Stadt und BUND schützen gemeinsam vom Aussterben bedrohten Urwald-Käfer
Eine große Überraschung für den Naturschutz gibt es in Hofheim, hier wurde der extrem seltene und europaweit streng geschützte Heldbock, auch bekannt als Großer Eichenbock, nachgewiesen. Bislang konnten zwei Exemplare des imposanten Riesen-Käfers im Stadtgebiet gesichtet werden.
Da die Art als extrem standorttreu gilt und sich meist nur wenige hundert Meter von ihrem Geburtsbaum entfernt, ist dieser Fund der direkte Beweis für eine bislang unentdeckte, winzige Population vor der eigenen Haustür. Für den BUND Hofheim und die Stadtverwaltung ist dieser Fund eine biologische Sensation, die gleichzeitig eine große Verantwortung für den lokalen Artenschutz mit sich bringt.
Der Heldbock (Cerambyx cerdo) gehört mit einer Körperlänge von 2,5 bis über 5 Zentimetern – die langen Fühler noch gar nicht mitgerechnet – zu den größten Käfern Mitteleuropas. Seine Larven entwickeln sich über bis zu fünf Jahre hinweg tief im Holz alter, lichter und sonnenbeschienener Eichen. Dass der Urwald-Riese überhaupt in Hofheim überleben konnte, grenzt an ein kleines Wunder, da sein Lebensraum in modernen Wirtschaftswäldern durch den Mangel an jahrhundertealten „Methusalem-Eichen“ europaweit fast vollständig verschwunden ist.
„Wir tragen für diesen faszinierenden Käfer ab sofort eine besondere Verantwortung, denn er zählt zu den exklusivsten Raritäten unserer lokalen Tierwelt und ist eine sogenannte Verantwortungsart von europäischem Rang“, betont Tanja Lindenthal vom BUND Hofheim.
Die Stadt Hofheim reagiert umgehend auf den Sensationsfund und kündigt eine enge Zusammenarbeit mit den Naturschützern an, um die Brutbäume ausfindig zu machen und wirksame Schutzmaßnahmen in die Wege zu leiten.
„Dieser Fund zeigt, wie wertvoll und schützenswert die alten Baumbestände in unserem Stadtgebiet sind“, erklärt Daniel Philipp für die Stadt Hofheim. „Als Stadtverwaltung werden wir gemeinsam mit dem BUND nach Kräften unterstützen und prüfen, wie wir die Lebensräume dieses seltenen Mitbewohners im Rahmen unserer Wald- und Grünflächenpflege gezielt sichern und entwickeln können. Artenschutz gelingt am besten, wenn Kommune und Ehrenamt Hand in Hand arbeiten.“
Um die hochgradig bedrohte Population gezielt schützen zu können, setzen Stadt und BUND nun auch auf die Mithilfe der Bürgerinnen und Bürger. Spaziergänger werden gebeten, bei ihren Ausflügen im Frühsommer auf den markanten Käfer mit den außergewöhnlich langen Fühlern oder auf daumengroße Ausflugslöcher in alten Eichenstämmen, aus denen frisches Bohrmehl rieselt, zu achten.
Wer eine Entdeckung macht, sollte ein Foto aufnehmen und den genauen Standort per Smartphone-GPS oder Wegbeschreibung festhalten. Da die Tiere unter strengstem Naturschutz stehen, dürfen sie keinesfalls angefasst oder gestört werden.
Hinweise und Fotos können ganz unkompliziert per E-Mail an info@bund-hofheim.de gesendet werden.
Hintergrundinformationen zum Heldbock (Cerambyx cerdo)
Der Heldbock, auch als Großer Eichenbock bekannt, gehört zu den größten und imposantesten Käferarten Mitteleuropas. Mit einer Körperlänge von bis zu 5,5 Zentimetern und Fühlern, die beim Männchen die eigene Körperlänge weit überragen, gilt das tiefschwarz bis rötlich-braun gefärbte Insekt als sogenanntes Urwaldrelikt.
Die Art ist ein extremer Spezialist: Der Heldbock ist zwingend auf alte, sonnenexponierte „Methusalem-Eichen“ angewiesen – meist über 100 bis 200 Jahre alte Stiel- oder Traubeneichen, die bereits geschwächt sind, aber noch leben. In den dicken Stämmen dieser Bäume fressen sich die Larven über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren durch das Holz und erreichen dabei eine Länge von bis zu neun Zentimetern. Die fertigen Käfer schlüpfen im Frühsommer, leben dann jedoch nur wenige Wochen, in denen sie sich hauptsächlich von auslaufendem Baumsaft ernähren und paaren.
Da es in modernen Wirtschaftswäldern und Parks kaum noch derart alte Eichenriesen an sonnigen Standorten gibt, hat der Heldbock dramatische Lebensraumverluste erlitten. Die Tiere sind zudem extrem ortstreu und beziehen selten neue Reviere in größerer Entfernung, der Verlust einzelner Traditionsbäume führt daher oft zum Erlöschen ganzer lokaler Populationen. Aus diesem Grund ist der Heldbock in Deutschland auf der Roten Liste als „Vom Aussterben bedroht“ eingestuft. Er steht zudem unter dem strengen Schutz der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie, Anhänge II und IV), weshalb jegliche Beschädigung oder Störung seiner Brutbäume gesetzlich streng verboten ist.