Flughafen Frankfurt: „Es muss leiser werden!“ Betroffene Kommunen fordern weniger Starts über die Nordwest-Abflugroute

Vor zwanzig Jahren hatten die Flughafenbetreiber FRAPORT AG und die Deutsche Flugsicherung (DFS) im Planfeststellungsverfahren für die neue Landebahn verlautbart, dass ab 2011 von Jahr zu Jahr immer weniger Flugzeuge von der Parallelbahn auf der Nordwest-Route (über Flörsheim, Hochheim, Wiesbaden, Mainz) starten würden.[1]  Heute sieht es anders aus: statt der damals geschätzten 1,5 % der Starts sind es tagsüber 10 %, in den Nachtstunden sogar 20 %, die bei Westbetrieb über Nordwest starten.[2] Man schafft es nicht, den Andrang in Frankfurt mit dem bestehenden Betriebssystem ordentlich abzuarbeiten, also so auf die drei Startrouten zu verteilen, wie es einmal ausgerechnet und abgewogen wurde. Die Nordwest-Startroute dient regelmäßig als Überlaufventil, um Rückstaus und Verspätungen bis zum Beginn der Nachtruhe um 23 Uhr abzubauen.

 

Die davon besonders betroffenen Kommunen, die Landeshauptstädte Mainz und Wiesbaden, die Main-Taunus-Städte Flörsheim am Main, Hattersheim am Main, Hochheim am Main und Hofheim am Taunus und der Main-Taunus-Kreis, haben über die Fluglärmkommission und auf direkten Wegen beim zuständigen Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung auf die bestehenden Missverhältnisse hingewiesen und um Abhilfe ersucht. Ohne Erfolg. Stattdessen wurde im vergangenen Sommer bekannt, dass Fraport und DFS an einem modifizierten Betriebssystem für den Westbetrieb arbeiten, was noch mehr Lärmbelastung bedeutet: in verkehrsschwachen Zeiten will man alle von der Parallelbahn startenden Flugzeuge über die Südumfliegung schicken; bei mehr Nachfrage alle über Nordwest. Dies könnte bedeuten, dass bei einem weiteren Anstieg der Flugbewegungen bald wieder Verhältnisse wie vor 2011 einträten: ein Drittel aller Starts gingen über den Nordmain, die anderen zwei Drittel über die Startbahn 18 West.

„Wir werden das nicht hinnehmen,“ betonen der Hochheimer Bürgermeister Dirk Westedt, sein Flörsheimer Kollege Dr. Bernd Blisch, Hattersheims Erste Stadträtin Heike Seibert und deren Hofheimer Kollege Daniel Philipp. „Die Menschen, die in unseren Städten wohnen und arbeiten, leiden unter der Landebahn Nordwest. Man hat uns mit der Inbetriebnahme dieser Bahn versprochen, dass nur noch ganz selten über unsere Wohngebiete gestartet wird. Die damit verbundene Entlastung in den Lärmwirkungen ist nie eingetreten. Das Gegenteil ist der Fall“

Bürgermeisterin Christiane Hinninger, Wiesbaden, Beigeordnete Janina Steinkrüger, Mainz, und Erste Kreisbeigeordnete Madlen Overdick, Main-Taunus-Kreis, alle drei als Dezernentinnen auch für Umweltschutz und Verkehr zuständig, sehen die derzeitige „Einzelfreigabe“-Praxis, immer wenn es zeitlich eng wird, zusätzliche Flugzeuge auf die Nordwest-Route zu schicken, kritisch. „Wenn das im Planfeststellungsbeschluss zugrunde gelegte Betriebskonzept nicht funktioniert, muss dieser Beschluss wieder geöffnet werden, um über weitere Nebenbestimmungen und Auflagen den Betrieb in Frankfurt so zu organisieren, dass er ohne ständige Einzelfreigaben zurechtkommt. Letztendlich bleibt wohl nur, die Überlastung des Systems abzubauen, das bedeutet weniger Flugbewegungen.“

Die politischen Forderungen und Aktivitäten werden ergänzt um den juristischen Sachverstand. Die Gemeinschaft hat den renommierten Rechtsanwalt Dr. Martin Schröder, Landshut, um seinen juristischen Rat gebeten. Gemeinsam fordern die Vertreter der Kommunen:

 

  • Der Luftverkehr in Frankfurt muss näher am bestehenden Betriebskonzept mit der vorgesehenen Aufteilung auf die vorhandenen Start-Routen (im Westbetrieb: Startbahn 18-West, Südumfliegung, Nordwest) erfolgen.
  • Zur Zielerreichung wird es notwendig sein, auch an die Kapazität heranzugehen und die Anzahl der Flugbewegungen zu reduzieren. Kapazitätseinschränkungen dürfen kein Tabu sein.
  • Die von Fraport und DFS betriebene „Weiterentwicklung des Betriebskonzepts“ wird sehr skeptisch gesehen. Sie würde eine weitere spürbare Steigerung der Starts über Nordwest bedeuten. Und das muss politisch und juristisch verhindert werden.

 

 

Bei Rückfragen:

Ernst Willi Hofmann, Beauftragter der Stadt Hochheim am Main für Flughafenangelegenheiten

(0151) 46339115 

ernst-willi.hofmann(at)hochheim.de

 


[1] Im Fraport-„Migrationsplan“ schätzte man damals, dass etwa ab 2020 nur noch 15 Maschinen pro Tag bei Westbetrieb über Flörsheim, Hochheim, Wiesbaden und Mainz abfliegen würden. Statt früher einmal 33 % nur noch 1,5 %! Die anderen sollten die Südumfliegung nehmen, also nach dem Start in Richtung Süden, Nauheim/Groß-Gerau abdrehen. Diese errechneten Belastungszahlen lagen Anfang dieses Jahrtausends auch bei der Abwägung der Lärmauswirkungen zugrunde, die das Hessische Wirtschafts- und Verkehrsministerium treffen musste: die Planfeststellungsbehörde kam zu dem Schluss, dass die erhebliche Lärmzunahme durch die neue Landebahn Nordwest den Menschen unter dem Endanflug zugemutet werden kann, weil sie vom Startlärm ganz erheblich entlastet werden. 

 

[1] Ein Grund: Heute fliegen viel mehr zweimotorige Schwermaschinen, die nach einer Durchführungsverordnung des Bundes über Nordwest geführt werden sollen, als erwartet. Diese Flugzeugmuster haben die großen drei- und viermotorigen Heavies ersetzt. Ein zweiter Grund: Die Flugsicherung erteilt Einzelfreigaben für Flugzeuge, die eigentlich von der Startbahn 18 West oder der Südumfliegung abfliegen sollen. Diese werden zusätzlich über die „kurze Strecke“ nach Nordwest geschickt, weil man die vielen geplanten Starts über die Startbahn 18 West und die Südumfliegung nicht in die vorhandenen Zeitraster unterbringen kann.