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Biografie von Frau Beer, Am Jagdhaus 17

Biografie von Frau Beer, Am Jagdhaus 17

Am Jagdhaus 17  

Biografie - Frau Beer (geb. Rosenthal) 

Lina Beer, geb. Rosenthal (geb. 12.11.1883) war wie alle Generationen ihrer Familie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Langenhain geboren. Lina Beers Vater Moses Rosenthal betrieb eine Metzgerei und ihre drei Brüder Gustav (geb. 1.2.1877), Siegmund (geb. 8.5.1879) und Moritz (geb. 7.12.1881) wurden vermutlich beim Vater ebenfalls im Metzgerhandwerk ausgebildet. 
Lina Beer erhielt dagegen keine Berufsausbildung, sondern half im Geschäft ihres Vaters, wie damals in kleinen Familienbetrieben üblich. Ihre 1912 geschlossene Ehe mit Hermann Beer aus Immendorf bei Koblenz wurde nach zehn Jahren kinderlos geschieden, soll aber tatsächlich nur wenige Tage bestanden haben, so dass sie wohl weiterhin im Elternhaus wohnte. Ihre Mutter Henriette (Babette) Rosenthal starb 1914, ihr Vater nur ein Jahr später. Möglicherweise führte einer ihrer Brüder das Geschäft eine Weile weiter, wahrscheinlich waren aber zu diesem Zeitpunkt schon alle drei aus Langenhain weggezogen, um sich eine eigene Existenz aufzubauen. Fest steht, dass Lina Beer 1928 die einzige Rosenthal in Langenhain war. Sie verdiente sich ihren bescheidenen Lebensunterhalt, indem sie als Vertreterin der Futtermittelhandlung Löwenstein und Herrenheim das ganze Ländchen zu Fuß abwanderte. Dadurch war sie in der ganzen Gegend bekannt und viele Zeitzeugen erinnern sich daher noch heute an sie. 
Nach 1933 verschlimmerte sich ihre Lebenssituation Schritt für Schritt. Ihre Verdienstmöglichkeiten dürften im gleichen Maße wie für alle jüdischen Händler auf dem Land zurückgegangen sein. Sie lebte in dieser Zeit bei Familie August Müller, die zwei Zimmer und Küche an sie vermietet hatte. An dieser Wohnung brachte einmal ein Junge aus dem Ort ein Schild an mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“. Der Junge hielt dies - ganz unter dem Einfluss der herrschenden Propaganda - für einen kleinen Streich, aber Lina Beer weinte bitterlich darüber und später bereute er seine Tat. Vermieter August Müller erteilte ihm Hausverbot. Doch die Diskriminierungen im Alltag waren allgegenwärtig. Beim Metzger konnte sie nicht mehr einkaufen, nachdem dieser aufgefordert worden war, sie nicht mehr zu bedienen. Er versorgte sie nun unauffällig in der Küche seines Ladens. 1936 verlor sie eine enge Freundin aus der Schulzeit, die sie fast täglich besucht hatte, als der Ehemann sie zwang, den Kontakt abzubrechen. So wurde sie immer einsamer und verängstigter. Ein Zeitzeuge aus Lorsbach berichtete wie sie, als er sie begrüßen wollte, scheu vor ihm zurückwich, aus Angst seine Eltern in Misskredit zu bringen. Im Sommer 1938 erzählte sie ihrem Vermieter und seiner Familie immer wieder von Anfeindungen und als schließlich eines Tages ihre Fensterscheiben eingeworfen wurden, riet ihr August Müller aus Langenhain fortzuziehen. Am 26.10.1938 zog sie nach Frankfurt, Rödelheimer Landstraße 130, vermutlich zu ihrem Cousin Gustav und seiner Familie, die ebenfalls unter dieser Adresse gemeldet war. Gustav Rosenthal lebte bereits seit 1902 in Frankfurt und betrieb dort eine Viehhandlung. Den erhofften Schutz vor Übergriffen fand Lina Beer in Frankfurt jedoch nicht. Bei der Pogromnacht im November 1938 wurden auch Wohnung und Geschäft ihres Cousins verwüstet. Am 30.3.1940 musste Lina Beer in den Hermesweg 6, ein „Judenhaus“, umziehen. Wahrscheinlich wurde sie von ihren Verwandten getrennt, denn die letzte Adresse ihres Cousins und seiner Frau Rosa war Scheffelstraße 24. Lina Beer war mittlerweile völlig verarmt. Wie sie auf Nachfrage der Devisenstelle Frankfurt im April 1941 angab, besaß sie keinerlei Vermögen und wurde zu diesem Zeitpunkt von der jüdischen Wohlfahrtspflege unterstützt. Aus der Devisenakte ist auch der einzige Hinweis auf ihr weiteres Schicksal zu entnehmen. Am 12.5.1942 wird verfügt, dass auf ihrer Karteikarte der Vermerk „evakuiert“ anzubringen sei. Lina Beer ist also vor diesem Datum deportiert worden. Höchstwahrscheinlich wurde sie Opfer der Deportation vom 8.5.1942, bei dem 938 Menschen, darunter vor allem Unterstützungsempfänger der Jüdischen Wohlfahrtspflege, von Frankfurt aus „gen Osten“ verschleppt wurden. Der Transport war für das Durchgangslager Izbica bestimmt. Frauen, Kinder und Gebrechliche wurden von dort zum Teil direkt in das Vernichtungslager Sobibor gebracht und dort ermordet. Da keine Namenslisten für diesen Transport erhalten sind, bleiben Todesort und –datum von Lina Beer unbekannt.

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