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Biografie der Familie Gustav Kahn, Marxheimer Straße 9

Biografie der Familie Gustav Kahn, Marxheimer Straße 9

Marxheimer Straße 9

Biografie - Familie Gustav Kahn

Gustav Kahn (geb. 1.1.1868) betrieb in der Hauptstraße 9 ein bekanntes Viehhandelsgeschäft. Zeitzeugen erinnerten sich, dass sie als Kinder gern beim Verladen der Tiere zuschauten. Mit seiner Frau Klara, geb. Löw hatte Gustav Kahn vier Kinder: Johanna geboren am 29. Mai 1894, den ein Jahr jüngeren Karl, Franziska geb. am 2. Juni 1897 und Emma geboren am 10. Oktober 1901. Die drei ältesten Kinder verließen ihren Heimatort als sie heirateten. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau Klara im Alter von 60 Jahren, lebte Gustav Kahn ab 1928 mit seiner jüngsten Tochter Emma, deren Ehemann Robert Forst und der 1931 geborenen Tochter im Familienanwesen. Er übergab das Unternehmen an den Schwiegersohn, der auch den geschäftlichen Erfolg fortsetzen konnte bis der durch die Nationalsozialisten ausgeübte Boykott den Verkauf immer mehr behinderte und schließlich zum Erliegen brachte. Als Ende 1936 Haus und Geschäft veräußert werden mussten und die junge Familie Forst nach Frankfurt umzog, musste auch Gustav Kahn seinen Geburtsort verlassen. Er meldete sich am 25. Mai 1937 nach Mainz ab. Vermutlich zog er zu einer seiner älteren Töchter, die in Mainz lebten. Nur wenig später, im selben Jahr, starb er in einem Mainzer Krankenhaus. So musste er das schreckliche Schicksal seiner Kinder nicht mehr miterleben.

Seine Tochter Johanna Friedberg, geb. Kahn wurde am 25. März 1942 von Mainz aus in das Ghetto Piaski deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Ihre Schwester Franziska Hirschmann, geb. Kahn wurde von Darmstadt aus am 27. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Sie starb am 6. Oktober 1944 in Auschwitz.

Emma Forst, geb. Kahn (geb. 10.10.1901) wurde als jüngstes von vier Kindern des Viehhändlers Gustav Kahn und seiner Ehefrau Klara, geb. Löw in Diedenbergen geboren. Sie besuchte 8 Jahre die Volksschule in ihrem Heimatort und erlernte anschließend als Haustochter die Führung eines Haushalts. 1928 starb plötzlich und unerwartet ihre Mutter Klara, vermutlich an einem Schlaganfall. Im Oktober desselben Jahres heiratete Emma Kahn den aus Kastellaun stammenden Robert Forst, der zu ihr und ihrem Vater in die Marxheimer Straße 9 zog. Am 10. Juli 1931 wurde dem jungen Paar die gemeinsame Tochter Helga Klara geboren. Robert Forst übernahm vom Schwiegervater den gut eingeführten Viehhandelsbetrieb und bestritt so den Lebensunterhalt für die ganze Familie, bis dies durch die nationalsozialistischen Boykottmaßnahmen unmöglich wurde. Im Dezember 1936 blieb der Familie nichts anderes mehr übrig als Betrieb und Familienanwesen zu verkaufen und nach Frankfurt überzusiedeln. Emma Forst zog mit Ehemann und Tochter in die Grünestraße 15. Mit Gelegenheitsarbeiten und mit Hilfe der jüdischen Wohlfahrtsstelle schlug sich die Familie durch, bis die Verhaftung und Misshandlung Robert Forsts im November 1938 die schnellstmögliche Auswanderung erzwang. Der einzig offen stehende Weg war die Ausreise in das von Japan besetzte Shanghai. Emma Forst und ihre Tochter mussten noch einen weiteren Monat darauf warten ihrem Mann zu folgen, der sich am 20. April 1939 hatte einschiffen können. In der Fremde wieder vereint stand die Familie nun vor den schwierigsten Lebensbedingungen. Sie handelten mit gebrauchter Kleidung um zumindest einen kärglichen Unterhalt zu bestreiten. Im Mai 1943 reagierte die japanische Besatzungsmacht auf den Druck des verbündeten nationalsozialistischen Deutschlands mit der Einrichtung eines Ghettos für alle nach 1937 nach Shanghai eingewanderten Juden. So musste auch die Familie Forst ihre Wohnung verlassen und fortan in einem kleinen Haus mit 15 weiteren Personen leben. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Es gab keine Toilette und reichlich Ungeziefer. Schon nach wenigen Wochen erkrankte Emma Forst an einer Geschwulst am Bein, die von den Ärzten im Ghetto nicht behandelt werden konnte. Als sie schließlich 1944 in ein Krankenhaus eingewiesen wurde, drohte bereits die Amputation. Das Bein konnte gerettet werden, aber die aggressive Behandlung, die auch wegen ihres extremen Untergewichts durchgeführt wurde, sollte Emma Forst für ihr Leben zeichnen. Vier Jahre nach Befreiung des Ghettos gelang es der Familie schließlich 1949 mit Hilfe einer Jüdischen Hilfsorganisation in die USA einzuwandern. Irgendwann in diesen Nachkriegsjahren erfuhr Emma Forst wohl vom Schicksal ihrer Schwestern Franziska und Johanna, die in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Die Bilder der gequälten und getöteten Angehörigen und ihre eigenen leidvollen Erfahrungen würden sie nie mehr loslassen. Noch Jahrzehnte später litt sie an permanenten Kopfschmerzen, Angstzuständen und Schlaflosigkeit. Sie starb 1976 in New York.


Robert Forst (geb. 25.6.1901, gest. 15.2.1982) wurde in Kastellaun im Hunsrück geboren. Mit 21 Jahren heiratete er am 22. Oktober 1928 die wenige Monate jüngere Emma Kahn in Diedenbergen und übernahm das Viehhandelsgeschäft seines Schwiegervaters. 1931 kam die gemeinsame Tochter Helga zur Welt. Robert Forst leitete das Familienunternehmen und engagierte sich ehrenamtlich als Kassierer im Sportverein Diedenbergen und als Kreisjugendpfleger für den Süddeutschen Sportverband. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 verlor er diese Ämter und auch das Unternehmen wurde bereits vom reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte vom 1. April 1933 stark in Mitleidenschaft gezogen. Im Januar des darauf folgenden Jahres geriet Robert Forst mit einem Blockleiter der NSDAP in Streit, als er seine Tochter Helga gegen dessen Drangsalierungen verteidigen wollte. Bei der am Ende handgreiflichen Auseinandersetzung ging der Blockleiter zu Boden, woraufhin Robert Forst vom zuständigen Landjäger in so genannte „Schutzhaft“ genommen wurde. Am folgenden Tag vor dem Amtsgericht konnte der Ablauf des Geschehens nicht eindeutig geklärt werden, aber der Richter erteilte Robert Forst die Auflage sich für eine Woche von Diedenbergen fernzuhalten. Zwar kehrte er nach der auferlegten Frist nach Hause zurück, aber möglicherweise hatte der Vorfall weitreichendere Folgen, denn wie Robert Forst nach dem Krieg berichtete wurde ihm bereits im September 1934 die Gewerbeerlaubnis entzogen. Das Viehhandelsgeschäft des Schwiegervaters kam schließlich zum Erliegen und im Dezember 1936 waren auch die Ersparnisse soweit aufgebraucht, dass ein Verkauf allen Besitzes in Diedenbergen unumgänglich war. In Frankfurt in der Grünestraße 15 lebte Robert Forst ab 1937 mit seiner Frau und Tochter und versuchte die Familie mit Gelegenheitsarbeiten als kaufmännischer Angestellter über Wasser zu halten. Die schrecklichen Ereignisse der Pogromnacht am 10. November 1938 erlebten die Forst ebenfalls in Frankfurt. Bei der von der Gestapo anlässlich des Pogroms organisierten Verhaftungswelle gegen jüdische Männer geriet auch Robert Forst in die Fänge des Verfolgungsapparates. Wenige Tage nach dem Brand der Synagogen wurde er in seiner Wohnung verhaftet und bereits auf dem Polizeirevier so schwer misshandelt, dass er blutüberströmt und bewusstlos zusammenbrach. Als er wieder zu sich kam, brachte man ihn zusammen mit Hunderten anderer Verhafteter in die Frankfurter Festhalle wo Transporte in die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau zusammengestellt wurden. Da es auch in der Festhalle immer wieder zu schweren Misshandlungen kam, musste Robert Forst Schlimmes erwarten als ein SS-Offizier auf ihn zusprang und ihn anbrüllte. Zu seiner Überraschung war dies aber offensichtlich nur ein Tarnmanöver dafür, dass der SS-Offizier ihm unauffällig zur Entlassung verhelfen wollte. Über die Gründe des Mannes konnte er nur spekulieren. Er vermutete später sie seien durch das ehrenamtliche Engagement in der Sportbewegung bekannt gewesen. Vermutlich aufgrund des Eingreifens dieses SS-Offiziers wurde Robert Forst aus dem Keller der Festhalle herausgeführt und in einem Taxi nach Hause geschickt. Wenig später zeigte sich, dass die brutalen, auf dem Polizeirevier erlittenen Schläge auf den Kopf, einen Schädelbruch verursacht hatten. Er lag drei Wochen mit hohem Fieber und zeitweiser Bewusstlosigkeit zu Bett. Da die Gestapo Frankfurt ihm – wie allen Entlassenen der Verhaftungsaktion – eine letzte Frist zur Auswanderung gesetzt hatte, musste er trotz seines Gesundheitszustandes eine schnelle Ausreisemöglichkeit finden. Durch die Vermittlung des jüdischen Hilfsvereins gelang es ihm für sich, seine Ehefrau und Tochter eine Schiffspassage nach Shanghai zu bekommen. Am 20. April schiffte er sich zunächst allein in Genua ein. Die 23 Tage dauernde Überfahrt war begleitet von ständigen heftigen Kopfschmerzen. Als Folge der Selbstmedikation gegen die traumatischen Erfahrungen wurde auf dieser Reise aus dem ehemaligen Sportler ein regelmäßiger Raucher. In Shanghai überlebte er zunächst mit Hilfe von Geld, dass ihm seine in die USA ausgewanderten Geschwister schickten. Nachdem seine Ehefrau und Tochter ebenfalls im Zufluchtsort eingetroffen waren, gründeten sie mit einem anderen Emigranten ein kleines Etagengeschäft für gebrauchte Kleidung, mit dem sie verdienten was sie zum bescheidensten Leben brauchten. Da Robert Forsts Gesundheit immer noch stark angegriffen war, musste ihm sein Geschäftspartner alle körperlich schweren Arbeiten abnehmen. Mit der zwangsweisen Umsiedlung in das Ghetto von Shanghai 1943 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Familie noch einmal dramatisch. Zu seinen gesundheitlichen Problemen kamen die katastrophalen Wohnverhältnisse, die schlechte Versorgung und die daraus resultierende Krankheit seiner Frau. Erst 1949 konnte die Familie mit Hilfe des Joint Distribution Committee nach New York auswandern, wo auch Robert Forsts Geschwister lebten. Nach einigen Monaten der Arbeitslosigkeit fand er eine Anstellung als ‚Boner’ in einer Fleischfirma. Diese körperlich anstrengende Arbeit, das Entbeinen von Rindervierteln an langen Werktischen, konnte er nur unter größter Kraftanstrengung, allen Kopfschmerzen und Schwindelanfällen zum Trotz ausführen. Doch sie erlaubte ihm für seine Familie eine neue Existenz aufzubauen. Robert Forst verstarb mit 81 Jahren in New York.

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