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Kinderschutz - eine Aufgabe für Alle!?

„Eine konstruktive und interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Wohle unserer Kinder ist das gemeinsame Ziel für die Zukunft. Dafür müssen viele Hürden und Barrieren abgebaut werden.“ In diesem Fazit waren sich die 140 Teilnehmer der Veranstaltung „Kinderschutz – eine Aufgabe für Alle!?“ völlig einig. Dazu eingeladen hatten am 26. Februar 2015 in der Hofheimer Stadthalle der Präventionsrat der Stadt Hofheim und der Landesverband Hessen des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

Oberarzt Dr. med. Marco Baz Bartels von der Medizinischen Kinderschutzambulanz Frankfurt am Klinikum der J.W. Goethe-Universität stellte in seinem Fachvortrag die „Leiden“ der betroffenen Kinder sehr deutlich dar. Spätestens jetzt wurde jedem der Teilnehmer bewusst, dass es auch in unserem sicheren und geschützten Umfeld Vernachlässigungen, Misshandlungen, körperliche und sexuelle Gewalt gegen die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten unserer Gesellschaft, nämlich unsere Kinder, gibt.
Erster Kriminalhauptkommissar (EKHK) Heinz Sprenger, der zusammen mit Dr. Ralf Kownatzki das RISKID- Frühwarnsystem zur Prävention von Kindesmisshandlung 2005 initiiert hatte, machte deutlich, welche besondere Belastung die Bearbeitung von Kapitaldelikten zum Nachteil von Kindern für jeden Kriminalbeamten bedeutet. Heinz Sprenger, früher Leiter der Mordkommission in Duisburg und 30 Jahre mit Tötungsdelikten befasst, machte das Erfordernis von RISKID klar.
„Handeln, bevor es zu spät ist“, vor diesem Hintergrund gewannen die Teilnehmer, Ärzte, Beschäftigte von Jugend- und Sozialämtern, in der Kinderbetreuung, Psychologen und Polizeibeamte, tiefe Einblicke in die schwierige Arbeit. Die Stille im Saal spiegelte die emotionale Betroffenheit der Zuhörer wider.

Die Initiative RISKID e.V., der interärztliche Austausch bei Symptomen auf körperliche oder seelische Misshandlung, auf schwere Vernachlässigung oder auf sexuellen Missbrauch, ist für die Prävention äußerst wichtig. Wie viele Kinder seit dem Bestehen der Initiative von ihrem Martyrium befreit und davor geschützt wurden, lässt sich zwar nicht in Zahlen ausdrücken, dennoch macht es sichtlich Mut, wenn Sprenger deutlich macht, dass seit dem Bestehen von RISKID kein einziges Kind in Duisburg mehr zu Tode gekommen ist!

Dr. Ralf Kownatzki, Kinder- und Jugendarzt aus Duisburg, zeigte Beispiele und Möglichkeiten für eine bundesweite Einführung von RISKID auf. Insbesondere um dem häufig praktizierten „Doctorhopping“, also dem gezielten Arztwechsel durch Eltern bei Kindesmisshandlung, begegnen zu können, sei der innerärztliche Informationsaustausch (interkollegiale Information) über gefährdete Kinder ein probater Ansatz für den Kinderschutz. Zugriff auf das RISKID Informationssystem ist nur vorab registrierten Ärzten gestattet. Der Zugriff auf die Daten durch Behörden wie zum Beispiel Jugendamt oder Polizei ist ausgeschlossen. Eine Anmeldemöglichkeit für einen Arzt besteht auf der Homepage von RISKID (Link am Ende dieser Seite).
Die positive und in die Zukunft gerichtete Darstellung über das Frühwarnsystem zur Prävention von Kindesmisshandlung und die anschließende Podiumsdiskussion ließen ein umfassend informiertes Publikum zurück. Bedauert wurde, dass Landespolitiker die emotionale Situation aus dem Saal nicht aus erster Hand mitnehmen konnten.

Worum geht es beim Kinderschutz eigentlich?

Gewalt an Kindern ist Gewalt an den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft. Sie ist dann besonders erschreckend, wenn die Kinder von denen misshandelt werden, die eigentlich für ihr Wohlergehen und ihren Schutz verantwortlich sind. Bedauerlicherweise finden diese Delikte überwiegend im sozialen Umfeld statt. Folgt man der Kriminalstatistik aus dem Jahre 2013, so sind alleine in diesem Jahr 153 Kinder getötet worden, in 72 Fällen kam es zu versuchten Tötungen. Auch muss man erkennen, dass die Opfer von versuchten Tötungen teilweise für ihr Leben lang geschädigt, zumindest traumatisiert sind. Zu erwähnen ist weiter, dass es alleine in 14.800 Fällen zu sexuellen Gewaltdelikten zum Nachteil von Kindern kam. UNICEF schätzt, dass etwa 200.000 Kinder in Deutschland in verwahrlostem Zustand leben oder täglich misshandelt werden, das heißt es gibt eine hohe Dunkelziffer.

Der Gesetzgeber ist gefragt

Nicht gelöste Probleme und damit Forderungen an die Gesetzgeber in Bund und Land sind

  • Beseitigung fehlender Standards: 600 Jugendämter und in ihrem Auftrag arbeitende Tausende von freien Trägern haben eine qualitativ sehr unterschiedliche Ausstattung in Ausbildung und sachlicher, organisatorischer und finanzieller Ausgestaltung.
  • Anzeigepflicht bei der Feststellung gravierender Kindesmisshandlungen ist nicht festgeschrieben.
  • Es fehlt nach wie vor eine sachgerechte und rechtlich zulässige Möglichkeit für Geheimnisträger, insbesondere für die Kinder- und Jugendärzte, sich in Fällen von Kindeswohlgefährdung auszutauschen, ohne sofort eine Familie an das Jugendamt melden zu müssen.
  • Die Jugendämter wurden ohne bessere personelle Ausstattung mit den vielfältigen Aufgaben als zentrale Ansprechpartner betraut, obwohl den Mitarbeitern die medizinischen Fachkenntnisse fehlen. Ohne die Fachleute, die Ärzte, funktionieren die Diagnosen aber nicht.
  • Der Netzwerkgedanke, dass Kinderschutz eine Aufgabe für Alle ist, muss verdeutlicht werden.
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit muss ermöglicht werden, auch über Schweigepflicht und Datenschutz hinweg. Das Gesetz muss für den Kinderschutz angepasst werden!
  • Die gesetzlichen Bestimmungen dürfen die Täter nicht mehr als die Opfer schützen!
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