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Bücherherbst mit Rainer Brauer

Bücherherbst mit Rainer Brauer

Auch in diesem Jahr wird Rainer Brauer, diesmal unter dem Motto „Modernde Zeiten" in der Stadtbücherei Lektürevorschläge für den Herbst & Winter 2020 / 2021 vorstellen, die neben den üblichen Bestsellerlisten erschienen sind.

Coronabedingt wird die übliche Lesung aber leider ausfallen müssen.

Die Liste seiner Empfehlungen finden Sie aber hier - und Besucher*innen der Stadtbücherei können unsere Ausstellung mit allen Empfehlungen in unseren Räumen besuchen. 

Die ausgewählten Neuerscheinungen werden präsentiert, zusätzlich gibt es Kurzporträts der Autoren sowie interessante Hintergrundinformationen über die Werke und ihre Schöpfer.


Literaturempfehlungen von Rainer Brauer -Modernde Zeiten

Maria Nurowska: Briefe aus Katyn. Roman.
Berlin: Eberbach & Simon 2020. 236 S., € 22,-, ISBN 978-3-86915-208-0
Die Lebensgeschichte der polnischen Pilotin Janina Lewandowska, die 1940 als einzige Frau vom sowjetischen Geheimdienst NKWD in Katyn ermordet wurde. Geboren wird Janina Lewandowska als Tochter eines bedeutenden polnischen Generals. Schon sehr früh geht sie ihren ganz eigenen Weg und wird gegen den Willen des Vaters Sängerin und Mitglied in einer Kabarettgruppe. Doch ihr großer Traum ist das Fliegen. Sie macht den Pilotenschein und wird Europameisterin im Fallschirmspringen. Im Jahr 1939 heiratet sie ihre große Liebe, ihren Fluglehrer. Sie gerät bald nach dem Ausbruch des Krieges in sowjetische Gefangenschaft.
Erzählt wird die Lebensgeschichte der Janina Lewandowska in der Form einer Sammlung von Briefen, die auf Aufzeichnungen basieren, die man bei Katyn-Opfern fand. In der Romanbiographie werden diese Briefe lange nach dem Krieg dem Ehemann zugespielt, der in der polnischen Legion der RAF gekämpft hatte.
Sehr anrührend, aber auch sehr polnisch patriotisch.

Bosco González: Geheime Liste. Roman.
Tübingen: Konkursbuchverlag Claudia Gehrke 2020. 477 S., € 20,-, ISBN 978-3-88769-481-4
Teneriffa 1940. Franco und seine Helfershelfer wollen jeden Widerstand gegen die neue Ordnung ausschalten. Es gibt aber immer noch Menschen mit Anstand, die sich dem widersetzen. Bosco González (geb. 1973) erzählt in seinem Roman die Geschichten von Menschen, die sich auflehnen, weil sie dem Bösen nicht einfach den Raum in der Gesellschaft und dem Staat überlassen wollen. Mich hat an dem Buch so besonders überzeugt, dass es nicht um den Kampf zwischen bösen Unterdrückern und guten Widerstandskämpfern geht, sondern um Menschen aus der Mitte der Gesellschaft die – trotz aller Unterschiede in der politischen und religiösen Einstellung - die Auflösung aller Werte nicht hinnehmen wollen. Das Buch ist aber ein ganz großartiger Liebesroman, der wegen der vom Autor gewählten Form auch jüngeren Menschen gefallen könnte. Die Tatsache, dass der Roman in Spanien inzwischen auch in der Schule gelesen wird ist ein Beleg dafür.

Ilse Tielsch: Die Früchte der Tränen. Roman.
Wien: Edition Atelier 2020. 454 S., € 25,-, ISBN 978-3-99065-014-3
Es ist schon gewagt, den dritten Teil einer Trilogie zu empfehlen, ohne die beiden ersten Teile gelesen zu haben. Ich traue mich das einfach mal.
Die mit Bernhard verheiratete Anni lebt als Kind von Vertriebenen aus dem Sudetenland inmitten der Aufbruchsstimmung der 50er Jahre in Wien. Dann kommt es im Freundeskreis zu einer Katastrophe. Anni erinnert sich als reife Anna an diese Katastrophe und die Zeit, in der sie geschah. Ilse Tielsch (geb. 1929) verwebt sehr klug Fakten und Fiktionen, erzählt viele Geschichten von Geflohenen und findet an vielen Stellen Formulierungen, die hängenbleiben und in diesen Zeiten noch einmal neu und anders gelesen werden müssen: „Wie wir uns damals freuen konnten, sagte Bernhard, ÜBER DEN KLEINSTEN SCHMARREN KONNTEN WIR UNS FREUEN“ (S. 281) oder „In der Wiener Zeitung sprach sich eine Journalistin gegen das Tragen von Kopftüchern aus. WÄHREND SICH NÄMLICH IN ALLEN HUTGESCHÄFTEN DIE ENTZÜCKENDSTEN UND KAPRIZIÖSESTENHÜTCHEN; DIE MAN NUN SCHON MIT VERHÄLTNISMÄSSIG WENIG GELD ERSTEHEN KANN; HÄUFEN; GEHT DIE WIENERIN WEITER MIT DEM KOPFTUCH. Es sei, meinte die Journalistin, nicht einzusehen, warum die ungewollte Notwendigkeit aus den Tagen des Bombenkrieges nun, da diese Zeiten endgültig vorbei seien, zu einer nicht mehr zeitgemäßen Gewohnheit geworden seien“ (S. 158).
Der Roman ist ein kluger und technisch hervorragend erzählter Zeit- und Familienroman, der auch zeigt, wie unermesslich unsere Ansprüche gestiegen sind.

Philipp Röding: 20XX. Roman.
Wien: Luftschacht Verlag 2020. 178 S., € 18,50, ISBN 978-3-903081-39-1
„Nicht alles ist gut, räumte der junge Mann ein. Aber alles ist ein bisschen besser als vorher. Das genügt. Die geringste Menge an Hoffnung genügt, um durchs Leben zu kommen.“ So steht es im Roman von Philipp Röding (geb. 1990), den ich während des Lockdowns gelesen habe. Was geschieht eigentlich mit Menschen in deren Leben es keine Reisen, kein Fernsehen, keinen Sex und andere Dinge nicht gibt? Was geschieht mit Menschen, wenn viele Dinge, die man als unverzichtbar betrachtet, wegfallen? Viele Menschen haben darauf eine Antwort: sie füllen die Tage mit Aktivitäten, die eine Existenz vortäuschen. Ein Roman für Menschen, die sich trauen in den Spiegel zu schauen und sich die Frage zu stellen, was im eigenen Leben existenziell ist. Der Roman hat aber auch seine komischen Seiten, die ein gänzliches Verschwinden in einer dystopischen Welt verhindern.

Simon Raven: Fielding Gray. Roman.
Berlin: Elfenbein Verlag 2020. 261 S., € 22,-, ISBN 978-3-96160-013-5
(= Almosen fürs Vergessen. Bd. 1.)
Simon Raven (1927-2001) entstammte der britischen Oberschicht und machte in seinem zehnbändigem Romanzyklus „Almosen fürs Vergessen“ sein eigenes Leben zur Grundlage einer Romanfolge.
Wir befinden uns am Ende des II. Weltkrieges in einer englischen Privatschule. Fielding Gray, das Alter Ego von Simon Raven, geht im letzten Schuljahr auf der Suche nach seiner sexuellen Identität eine kurze Beziehung zu einem Mitschüler ein. In der Folge wird er von einer Ansammlung reicher, zynischer, blasierter, verlogener, hinterhältiger, angepasster, schleimender, dummer, frecher und gelangweilter Mitschüler um die Früchte seiner schulischen Brillanz gebracht. Wenn Sie wissen wollen, wie die Menschen ticken, die Margret Thatcher zur Macht und dem Brexit zum Erfolg verhalfen, dann sollten Sie dieses Buch lesen. Ein Buch für die Menschen, die Evelyn Waugh zu Ihren Lieblingsautoren zählen.

Kaspar Schnetzler: Adieu Monsieur Monet. Vom alten Mann und dem jungen Kater.
Zürich: Bilgerverlag 2019. 139 S., € 24,-, ISBN 978-3-03762-082-3
Ich muss es einfach tun. Ich muss einfach noch einmal ein Buch von Kaspar Schnetzler vorstellen. Ich muss einfach noch einmal auf seine Romane „Das Gute“, „Kaufmann und das Klavierfräulein“ und „Glocken und Kanonen“ hinweisen. Ich mag diesen leicht altväterlichen Ton, der im Erzählen immer leicht in die Ironie verrutscht. Ich mag diesen Autor, der alle seine Figuren versteht und keine von ihnen ans Kreuz nagelt. Jetzt hat dieser Kaspar Schnetzler ein altersmildes, altersweises und altersreifes Buch geschrieben, dessen Reiz nicht die Geschichte ist. Die Geschichte ist kurz erzählt:
Der alte Mann, Witwer und von eher grantigem Wesen, lebt in festen Überzeugungen. Dann schenkt ihm seine Enkelin einen Kater. Ausgerechnet ihm, der Katzen nicht ausstehen kann.
Der Reiz des Buches liegt in der assoziativen Aneinanderreihung von Blicken auf den Erzähler und die Menschen um ihn herum. Diese Blicke werden klug miteinander verbunden und ergeben ein Bild der Welt um den Erzähler herum, der sich beharrlich weigert, in die Vergangenheit zu verschwinden und sein Leben von dort aus nostalgisch zu betrachten. Lassen sie sich auf einen grandiosen Text ein.

Christine Koschmieder: Trümmerfrauen. Ein Heimatroman.
Hamburg: Edition Nautilus 2020. 301 S., € 22,-, ISBN 978-3-96054-220-9
Christine Koschmieder (geb. 1972) erzählt die Geschichten von drei Menschen und deren jeweiligen Umgang mit der deutschen Geschichte. Da ist Ottilie, die aus einer volksdeutschen Familie stammt. Da ist Lou, eine Frau um die vierzig, an der eine Welt der Gegenstände und Ereignisse vorüberrast und da ist der kranke Anatol, der Sohn von Lou, der im Netz seine Identität völlig aufgegeben hat. Erzählt wird von einer Zeit, in der die deutsche Geschichte zum Selbstbedienungsladen verkommen ist, aus dem man sich je nach Bedarf „Fliegenschisse“ für seine Identität holen kann. Hoffnung macht einzig Ottilie, die sich den Schrecken der deutschen Geschichte aussetzt und u.a. einen KZ-Prozess besucht. Ottilie stellt sich dem Grauen und wird so frei für einen ganz eigenen Blick auf ihr Leben und die sie umgebende Welt.

Young-ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders. Roman.
Bad Berka: Cass Verlag 2020. 152 S., € 20,00, ISBN 978-3-944751-22-1
Ein Thriller aus Korea. Young-ha Kim (geb. 1968) erzählt die Geschichte des Tierarztes Byongsu Kim (70), der als „pensionierter“ Serienmörder seine Zeit damit verbringt, Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Aber einen Mord muss er noch begehen, denn er muss seine Tochter vor einem Serienmörder schützen, den er in seinem Viertel als Mann der früheren eigenen Profession identifiziert hat. Dabei muss er mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfen, denn bei ihm wurde Demenz diagnostiziert. Tauchen sie ein in den von Alzheimer zersetzten Kopf eines Mannes, der im Sprechen über sich und sein Tun und Lassen völlig klar zu sein scheint. Großartig die Gestaltung des Buches, denn mit jedem Umblättern werden die Seitenzahlen dünner und signalisieren so kontinuierlich die Auflösung eines Bewusstseins.

Ottessa Moshfegh: Heimweh nach einer anderen Welt. Storys.
München: Liebeskind 2020. 334 S., € 22,-, ISBN 978-3-95438-115-9
Ottessa Moshfegh (geb. 1981) stammt aus einer persisch-kroatischen Familie und schreibt über eigensinnige, überhebliche, boshafte, triebgesteuerte, verlegene und verlorene Menschen. Bei Alice Munro geraten die Menschen durch z.T. sehr kleine Ereignisse gänzlich aus der Spur und müssen sich in manchen Fällen ein Leben lang mit den Folgen der Entgleisung auseinandersetzen. Bei Ottessa Moshfegh wollen die Menschen runter vom Weg und landen - mal mehr und mal weniger – im Unheil. Verlierer, Verlorene, Verbogene, Vergessene, Verjagte, Verirrte, Verborgene und Verstümmelte suchen einen Platz für sich, einen Platz abseits des bisher eingeschlagenen Wegs. Ich möchte sie aber warnen, denn empfindsame Menschen könnten sich an der Drastik der Autorin stoßen, die weder seltsame sexuelle Praktiken noch Hautkrankheiten oder Gerüche meidet.

Enrico De Zordo: Traurige Vergnügungen. Einhundertelf Miniaturen dichter Prosa.
Innsbruck: Limbus Verlag 2019. 191 S., € 14,-, ISBN 978-3-99039-174-7
(TravenBooks. 102.)
Enrico De Zordo (geb. 1969) ist ein italienischer Südtiroler der in seinen kurzen Texten den Versuch unternimmt Deutsch und Italienisch in einen Dialog zu bringen. Es geht ihm nicht um die Adler, die Napoleons Reich, die k.u.k.-Monarchie und das Deutschen Reiches symbolisierten. Es geht nicht um die großen Konflikte, es geht ihm um die kleinen Konflikte des Alltags, für die symbolhaft der Truthahn (lecker!) und der Tukan (so schön anzusehen!) stehen. Er schreibt sich hinein in den Grenzbereich zwischen zwei Sprachen und versucht mit geistreichen Bildern und Formulierungen Brücken zu bauen.
Beispiel gefällig? „Entschuldigen Sie“, fragte ich ihn, was wollen Sie mir mit alldem sagen?“ Er antwortete mir lapidar: „Nichts. Nur, dass ein Ort an dem die Gesamtheit der Menschen sich als Minderheit empfindet, von einer Mehrheit von Schwachköpfen bewohnt ist.“ (S. 160)

Florin Iaru: Die grünen Brüste. Erzählungen.
Ulm: Danube Books 2020. 183 S., € 18,50, ISBN 978-3-946046-17-2
Haben sie Lust auf Surrealismus? Dann lesen sie dieses Buch des Rumänen Florin Iaru (geb. 1954). Rumänien hat eine lange Tradition des surrealistischen Erzählens. Da ist z.B. Urmuz.
Urmuz ist das Pseudonym eines Schriftstellers, der bereits 1923 starb und nur ein sehr, sehr kleines Werk hinterließ, dass sogar in einer deutschen Ausgabe vorliegt. Urmuz schuf eine tollkühne Bilderwelt, in die er willkürlich Realitätspartikel montierte.
Was Iaru macht, kann da durchaus mithalten. Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise in die Köpfe von gleichgeschalteten Menschen, in die Köpfe von Menschen, die man sich als Untertanen von Nicolae Ceaușescu gut vorstellen kann. Der Wahnsinn tobt in den Köpfen und verlässt auch schon mal die knöcherne Hülle. So wird dann das Surreale Wirklichkeit und die Wirklichkeit wir gänzlich surreal. Mit dem Ende der Herrschaft des „Conducătors“ verschwand der Irrsinn nicht aus den Köpfen, er bekam nur eine subtilere Gestalt.
Eine Entdeckung für die Freunde der Avantgarde.

Mathias Ninck: Mordslügen.
Zürich: edition 8 2019. 255 S., € 21,20, ISBN 978-3-85990-381-4
Der Reporter Simon Busche ist an einer großen Sache dran: die berüchtigte Serienmörderin Sandra Dubach sitzt unschuldig im Gefängnis, verurteilt auf der Grundlage eines erlogenen Geständnisses. Der Mörder läuft frei herum. Ein Justizskandal! Simon Burck setzt sich hin und schreibt und sein Buch wird gedruckt. Die Bombe geht hoch, Simon Busche wird über den Klee gelobt, aber so einfach ist die Sache nicht … Mathias Ninck (geb. 1968) ist ein kluger Thriller über Journalismus in Zeiten der Lüge gelungen.

Markus Bundi: Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte. Erzählungen.
Wien: Septime Verlag 2020. 137 S., € 18,-, ISBN 978-3-902711-89-2
Geschichten, die ganz unwillkürlich die Erinnerung an zwei Schriftsteller erwachen ließen. An Friedrich Dürrenmatt musste ich denken, weil auch Markus Bundi (geb. 1969) wie sein Schweizer Landsmann darauf beharrt, Vernunft und die Werte der Aufklärung zum alleinigen Maßstab menschlichen Handelns zu machen. An Wolfgang Hildesheimer musste ich auch denken, denn Bundi treibt ein Spiel mit Worten und Geschichten im Hier und Jetzt und Ganz woanders zu einer anderen Zeit. Bundi sind Geschichten gelungen, die mehr als eine lustvolle schnelle Lektüre fordern. Eine Form der literarischen Unterhaltung, die gänzlich aus der Zeit gefallen ist.

Anna Herzig: Herr Rudi.
Berlin: Voland und Quist 2020. 140 S., € 18,-, ISBN 978-3-86391-251-2
Anna Herzig (geb. 1987) hat eine Geschichte geschrieben, die sich einer eindeutigen Einordnung entzieht.
Seit 40 Jahren trauert der Herr Rudi, ein pensionierter Gerichtsvollzieher mit einer Krebsdiagnose und Hexenschuss, um seine Livi. Jetzt befindet er sich mit einer Badewanne voller Blaubeeren und einer Pistole mit einer Patrone in einem Salzburger Hotelzimmer. Freut er sich ein bevorstehendes Wiedersehen? Ist er entschlussschwach oder ein Dummkopf? Ist er ein Nostalgiker oder ein liebenswertes Original? Oder ist er einfach eine Figur, die sich in eine surreale Geschichte/Nicht-Geschichte verirrt hat?
Ein Spiel in Sprache, mit Sprache und gegen Sprache. Nichts für Menschen, die von Texten in Büchern ein hohes Maß an Verlässlichkeit erwarten.

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens.
Nettetal: Elif Verlag 2020. 189 S., € 22,-, ISBN 978-3-946989-26-4
Ragnar Helgi Ólafsson (geb. 1971) ist Isländer und denen sagt man ja nach, dass sie schräg drauf sind und erfindungsreich. Dies ist wirklich ein Buch des Erinnerns und Vergessens, ein sehr unterhaltsames obendrein. Wenn sie sich mit dem Problem der Konstituierung einer Persönlichkeit im Spannungsfeld von Erinnern und Vergessen beschäftigen wollen, so können sie gerne Martin Heidegger oder Fachbücher aus dem Gebiet der neuronalen Wissenschaften lesen. Sie können aber auch zu dem hier vorgestellten Buch greifen und sich an der Entwicklung von Antworten zu den im Titel genannten Themenkreisen widmen. Und das auf sehr unterhaltsame Weise, denn sie unternehmen z.B. eine Autofahrt mit Eule und Satyr.
Wie gesagt, die Isländer sind schräg drauf und erfindungsreich.

Barbara Sichtermann: Agatha Christie. Eine Biographie.
Hamburg: Osburg Verlag 2020. 279 S., € 24,-, ISBN 978-3-95510-215-9
Barbara Sichtermann beginnt ihre Biographie der reservierten viktorianische Lady, die übrigens, wie ihre Liebesbriefe an den zweiten Gatten zeigen, durchaus heißblütig war und auch Freude an Körperlichkeit hatte, mit dem Schreckensjahr 1926 der Agatha Christie: die Mutter stirbt und der Gatte begehrt die Scheidung. Agatha ist zu diesem Zeitpunkt fünfunddreißig Jahre alt und gibt ihrem Leben eine neue Wendung: sie verschwindet und hofft durch die mysteriösen Umstände ihres Verschwindens den Gatten wieder für sich zu gewinnen. Der Plan scheitert, macht aber aus der Engländerin mit Zug zum Leben der Oberklasse die erfolgreichste Schriftstellerin der Welt: sechsundsechzig Romane und hundert Kurzgeschichten werden bis heute gelesen, verhörspielt und verfilmt. Das Motto der Schriftstellerin: Wenn du nicht der Lokomotivführer (= Shakespeare) werden kannst dann werde Heizer (= Agatha Christie).

Jerneja Jezernik: Alma M. Karlin – Mit Bubikopf und Schreibmaschine um die Welt. Eine Biographie über die Weltreisende, Polyglotte, Schriftstellerin und Antifaschistin Alma M. Karlin (1889-1950) aus Celje/Cilli, Slowenien.
Klagenfurt: Drava Verlag 2020. 198 S.: Ill., € 21,-, ISBN 978-3-85435-926-5
Alma M. Karlin (1889-1950) kommt in der zweisprachigen untersteiermärkischen Stadt Cilli als späte Tochter einer Frau, die bei der Geburt bereits 45 Jahre alt ist, und eines k.u.k.-Majors zur Welt. Ihre Geburtsstadt wird als Celje dem 1918 dem neugegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugeschlagen. Nach einer unglücklichen Kindheit geht sie 1908 nach London und legt neben der Arbeit in einem Übersetzungsbüro Sprachprüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab. Am 24. Oktober 1919 bricht sie zu einer bis 1927 andauernden Weltreise auf, die sie mit dem Schreiben für Zeitungen und Übersetzungsarbeiten finanziert. Sie lernen durch die Biographie eine sprachbegabte, willensstarke, empathische und esoterisch angehauchte Frau kennen, die deutsch fühlend und schreibend mit einem klaren Kompass ausgestattet sich im Zweiten Weltkrieg im Widerstand engagierte. Das spannende Leben einer Frau, die in fast allen Gebieten menschlichen Wissens dilettierte und leidenschaftlich und leidensfähig für ihren Traum der Begegnung mit Menschen in aller Welt kämpfte.

Alexander Pschera: Vergessene Gesten. 130 Volten gegen den Zeitgeist. 2., durchges. u. erw. Aufl.
Wien: Das vergessene Buch 2019. 188 S., € 18,-, ISBN 978-3-903244-01-6
Erst lernte man Schillers „Glocke“ auswendig, dann konnte man alle Strophen von „Blowin‘ in the Wind“ singen, heute braucht man für „Atemlos durch die Nacht“ einen Karaokemonitor. Das ist, kurzgefasst, die Geschichte der abendländischen Bildung. So verschwindet Kultur. Zu den Dingen, die auch verschwinden und das Leben so stummer machen, gehören Gesten. Viele Gesten, Handbewegungen, Mimiken, Gewohnheiten und Aussprüche sind in den letzten Jahrzehnten dem Vergessen anheimgefallen. Alexander Pschera (geb. 1964) versucht sie zu retten. Sie können ihm helfen, indem sie die eine oder andere Geste wiederbeleben. Ich habe bei der Lektüre festgestellt, dass ich das schon tue: Ich schneide Zeitungsartikel aus und versorge viele Menschen um mich herum mit den Ergebnissen der Schnippelei. Ich lese auch mit dem Bleistift in der Hand und werde mich dereinst wohl auch noch zur Rettung weiterer Gesten durchringen.

Peter-André Alt: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben …“ Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten.
München: Beck 2020. 262 S., € 26,95, ISBN 978-3-406-75004-5
Manche ersten Sätze der Weltliteratur sind so berühmt, dass man sie kennt, auch wenn man das Werk nicht gelesen hat. Peter André Alt lädt ein zu einer Reise durch die Welt der Anfänge ein. Systematisch geordnet widmet sich der Literaturwissenschaftler Anfängen bedeutender und unbedeutender Texte der Literatur. Sie werden dabei mitgenommen auf eine Reise, die dazu anregt, das eine oder das andere Buch zum ersten Mal oder wieder in die Hand zu nehmen und zu lesen. Alt sagt: „Wo aus ersten Sätzen keine Lektüre folgt, ist die Geschichte tot.“ Ich habe in den Tagen nach der Lektüre immer wieder die eine oder die andere Anthologie aus dem Regal genommen und nachgeschaut, ob und wie sich die ersten Sätze in einer der Kategorien von Alt unterbringen lassen und bin dabei auch zur Lektüre manchen Textes überredet worden.
Schön ist ein Druckfehler auf Seite 79, wo aus David Copperfield ein „Chipperfield“ wird.

Ulrich Johannes Schneider: Der Finger im Buch. Die unterbrochene Lektüre im Bild.
Bern: Piet Meyer Verlag 2020. 177 S.: zahlr. Abb., € 28,40, ISBN 978-3-905799-57-6
= Kapitale Bibliothek. Nr. 27.
Immer wieder entdeckt man in Museen Bilder, auf denen Menschen bei einer unterbrochenen Lektüre abgebildet sind. Warum gibt es diese Darstellungen und was wollen sie uns sagen? Der Kulturphilosoph Ulrich Johannes Schneider (geb. 1956) geht in seinem Buch mit Abbildungen der beschriebenen Werke der Frage nach, welche Botschaft der Künstler mit seiner für den Dargestellten gewählten Geste dem Beschauer übermitteln will. Ich könnte an dieser Stelle die zentralen Thesen des Buches wiedergeben, möchte aber ihnen nicht die Lust an der Lektüre nehmen. Sie werden mitgenommen auf eine Reise durch die Kunstgeschichte, die zugleich eine Reise durch die Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft ist. Vielleicht wird einmal eine Zeit kommen, in der Kinder ihre Eltern fragen, was das denn für ein komischer Gegenstand ist, in den der Mann oder die Frau auf dem Bild den Finger steckt?

Rainer Suckow: Eine Prise Funkgeschichte. Fünfzig Geschichten aus hundert Jahren Rundfunk.
Berlin: Edition q im be.bra Verlag 2020. 160 S., € 16,-, ISBN 978-3-86124-736-4
Am 22. Dezember 2020 feiert der Rundfunk in Deutschland seinen 100. Geburtstag. Wissenswertes aus der Geschichte des Mediums verabreicht Rainer Suckow im Plauderton. Darunter auch eine Prise, die von einer Frau erzählt: Dr. Isolde Hausser (1889-1951) war fünfzehn Jahre lang in der Röhrenforschung bei Telefunken tätig. Einige ihrer Forschungsergebnisse dürften in ein Patent eingeflossen sein, ohne dass ihr Name genannt wird. In einer Festschrift wird ihr Wirken mit einem Satz abgefertigt: sie sei eine „Hauptstützen der Röhrenentwicklung“ gewesen.
Die für mich schönste Prise ist die, in der Rainer Suckow über die älteste deutsche Rundfunksendung berichtet, die am 16. Mai 1951 ihren siebzigsten Geburtstag feiern kann. Die Sendung heißt „Zwischen Hamburg und Haiti“ und wird sonntags vom NDR ausgestrahlt. Es war eine der Lieblingssendungen meines Vaters in einer Zeit, in der man sich in der Sendezeit noch vor den Radioapparat setzen musste, denn Podcasts gab es noch nicht.

Carlo Lucarelli: Hundechristus. Ein Commissario De Luca-Krimi.
Wien, Bozen: Folio Verlag 2020. 272 S., € 18,-, ISBN 978-3-85256-803-3
Die Kriminalromane um den Commissario de Luca sind doch wahrlich bislang an mir vorbeigezogen. Das ist sehr schade, denn sie gehören zum Besten was die Schule des Schwarzen Krimis in Europa hervorgebracht hat. Nach hundert Seiten Lektüre habe ich der Gattin gesagt, der Roman wäre eine grandiose Mischung aus Scerbanenco und Chandler. Im Nachwort fand ich dann genau diesen Bezug auf die beiden Größen.
Bologna 1943: Bei einer Razzia im Schwarzhändler-Milieu stolpert Commissario De Luca über eine Leiche ohne Kopf und findet später einen Kopf ohne Leiche. Seine Ermittlungen werden deutlich dadurch erschwert, dass just in den Tagen der Ermittlungen der Duce gestürzt wird und die Herrschaft der Deutschen unmittelbar bevorsteht. Jeder Beamte muss nun für sich entscheiden, auf welches Pferd er setzt.
Eine hervorragende Mischung aus Kriminalroman und Zeitroman mit Figuren, die man nicht so schnell vergisst.

Mikko-Pekka Heikkinen: Rentiermafia. Roman.
Wangen: Antium Verlag 2020. 472 S., € 20,50, ISBN 978-3-907132-11-1
Der alternde Rentierfürst Jonás-Guhtur hat Stress mit seinem ältesten Sohn Jouni-Sammeli, der einmal sein Nachfolger werden sollte. Der Thronfolger will nicht wie der Vater Schutzgeld eintreiben und Rentiere stehlen, der Sohn ist lieber mit seinem Snowmobilclub unterwegs, macht eigene Geschäfte und hat auch bereits eine gute Idee, wie man der darniederliegenden Rentierzucht wieder aufhelfen kann. Ganz ohne Rentiere …
Eine richtige Mafiageschichte in einer Welt abseits der uns vertrauten Welt, aber auch eine Familiengeschichte, eine Geschichte über den Klimawandel und eine Einführung in die Lebenswelt der Sami. In Finnland bezeichnete die Kritik den Autor Mikko-Pekka Heikkinen (geb. 1974), der für Finnlands bedeutendste Tageszeitung „Helsingin Sanomat“ arbeitet, als den Arto Paasilinna Nordfinnlands.

Mercedes Rosende: Falsche Ursula. Kriminalroman.
Zürich: Unionsverlag 2020. 203 S., € 18,-, ISBN 978-3-293-00559-4
Ursula ist unzufrieden. Zu hässlich. Zu hungrig. Zu allein. Da kommt ihr der mysteriöse Erpresseranruf eigentlich ganz gelegen: Man habe ihren Ehemann entführt. Nur: Ursula hat keinen Ehemann. Ursula hat aber Zeit und ist (s.o.) sehr wütend auf die Welt und spielt deshalb das Spiel mit.
Mercedes Rosende (geb. 1958) ist ein urkomischer Thriller gelungen.

Wallace Stroby: Zum Greifen nah. Kriminalroman.
Bielefeld: Pendragon Verlag 2020. 355 S., € 18,-, ISBN 978-3-86532-674-4
Die Polizistin Sara Cross hat Zweifel an der Darstellung ihres Ex-Freundes, die der vom gewaltsamen Tod eines jungen Schwarzen gibt und sie hat allen Grund dazu. Als die Witwe des Toten Druck macht und sich auch noch ein Berufskiller an ihre Fersen heftet, verstrickt sie sich immer tiefer in den Fall. Sie muss die Wahrheit herausfinden, um jeden Preis, denn anders ist das Leben ihres Sohnes nicht zu schützen.
Der US-Amerikaner Wallace Stroby (geb. 1960) gehört für mich zu den ganz Großen des Kriminalromans, denn er schafft es mit der Geschichte und der eingesetzten Sprache einen Sog zu erzeugen, der den Leser unweigerlich fortreißt.

Ludger Fischer: Küchenirrtümer.
Hamburg: Osburg Verlag 2020. 260 S., € 20,-, ISBN 978-3-95510-218-0
Für manche Menschen sind Fake News das Ergebnis von wissenschaftlicher Forschung und dem Blick auf die Wirklichkeit. Für andere Menschen sind sie einfach die Verbreitung der Unwahrheit und manche dieser Unwahrheiten halten sich sehr, sehr lange. Es ist an der Zeit dagegen etwas zu unternehmen und dabei ist dieses Buch, zumindest für die Fake News aus der Küche und in der Küche, eine große Hilfe. Erleichtert es doch die Küchenarbeit und liefert zudem viele neue Gesprächsbeiträge für Familienfeiern und Partys: Sind Holzbrettchen unhygienischer als Kunststoffbrettchen? Muss das Frittierfett immer taufrisch sein? Ist Fleur de Sel wirklich gesünder? Trägt Flambieren zum Garen von Speisen bei?
Ich warne Sie aber ganz ausdrücklich, dass das Beharren auf der Wahrheit schädlich für die Beziehung sein oder auch das gute Verhältnis zum Onkel oder der Mutter schädigen kann.
Zur Auswahl meiner Bilderbücher brauche ich wohl kaum etwas zu sagen, denn sie sprechen in der künstlerischen Gestaltung für sich.

Judith Auer: Ein Stück Käse.
Mannheim: Kunstanstifter 2020. 32 S., € 20, ISBN 978-3-942795-91-3
Äsops beliebte Fabel für Kinder nacherzählt.

Carolin Löbbert: Ich war spazieren auf ʹnem Regenbogen. Wahr oder gelogen?
Hamburg: Mairisch 2020. 80 S., € 18,-, ISBN 978-3-938539-58-3
Humorvollen Bilderrätseln zum Staunen, Fragen, Zeigen, Herumspinnen und Lachen.

Leo Timmers: Wo steckt der Drache?
Zürich: Aracari Verlag 2020. € 14,-, ISBN 978-3-907114-13-1
Der König hat einen Drachen gesehen. Jetzt traut er sich nicht mehr zu schlafen, bis der Drache geschlagen ist.

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