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Hofheim um 1900

Photographien von Otto Engelhard


Um 1890 war die Amateurphotographie, so wie wir sie heute kennen, noch nicht sehr verbreitet. Man kann davon ausgehen, daß sich nicht einmal 10% der Bevölkerung eine Photoausrüstung samt laufenden Ausgaben für Platten und Filme, Chemikalien, Photopapiere oder Alben hat leisten können.Von Otto Engelhard (1853 - 1918) stammen die meisten frühen Photographien von Hofheim. Die in der Ausstellung gezeigten rund 50 Aufnahmen von Otto Engelhard sind zwischen 1890 und 1915 entstanden und wurden zumeist auf großformatigen Gelantineglasplattennegativen (Trockenplatten) festgehalten. Wo es der Erhaltungszustand der rund 100 Jahre alten Negative erlaubte, wurden diese direkt von der Glasplatte vergrößert. Zudem wurden Negative und Abzüge für die Langzeitarchivierung bearbeitet, damit auch den nachfolgenden Generationen - etwa im Jahre 2099 - diese einmalige Bilderchronik Hofheims um 1900 erhalten bleibt.

Das Besondere des Alltags.
Viel Zeit, Energie und Engagement investierte Otto Engelhard in die Photographie. Es waren die Besonderheiten des ihn umgebenden Alltags, die Otto Engelhard Anlaß zum Photographieren gaben. Und das Besondere waren für ihn in erster Linie die baulichen Veränderungen in der Stadt, wie etwa der Abriß von Teilen der Stadtmauer, die neuen Villen am Kapellenberg und eine Reihe einzelner noch heute einmaliger Bauten, wie etwa das 1888 errichtete Vincenzhaus. Oft hat der „professionelle“ Laie Engelhard seine Aufnahmen mit der Angabe des Datums und der Tageszeit versehen, für uns heute eine sichere Grundlage zur Datierung der Motive. Selbst die Witterungsverhältnisse hat er festgehalten. Das Photographieren war in jenen Jahren mit den neuen Kameras und Trockenplatten auch einfacher geworden, man mußte für Aufnahmen in der Natur oder generell im Freien nun nicht mehr wie früher mit umfangreicher und schwerer Ausrüstung für die Präparierung und Entwicklung der Platten ausgestattet sein, sondern man brauchte lediglich einen gewissen Vorrat an Negativmaterial mitzunehmen.

Der photographische Blick.
Nicht alle Amateure hatten und haben das gleiche Interesse an Photographie, nicht jedem genügt das einfache Fixieren des Motivs. Viele Photographen verstanden sich damals als Lichtbildner. Otto Engelhard können wir dazu heute nicht mehr befragen. Mit Sicherheit läßt sich jedoch sagen, daß er neben dem dokumentarischen Interesse immer auch die Komposition des Bildes berücksichtigt hat. Dies zeigen besonders seine Natur- und Landschaftsaufnahmen. Im Umgang mit Gerät und Material und bei der Herstellung makelloser Abzüge war er ebenso um Perfektion bemüht. Er verfügte über eine gut ausgerüstete Dunkelkammer, die er auch interessierten Kunden zur Verfügung stellte.

1905 veröffentlichte der Verschönerungsverein den „Führer durch Hofheim am Taunus und Umgebung“, hier wurden auch Aufnahmen von Otto Engelhard verwendet. In späteren Jahren waren es Josef Nix, Gustav Kyritz und Günter Rühl, die das Fotomaterial und die festgehaltenen Motive bearbeiteten. Die im Stadtarchiv vorhandenen Glasplatten stammen aus Archivbeständen der 1950er Jahre oder wurden ab der 1980er Jahre durch Gustav Kyritz und Diether Engelhard dem Archiv übergeben.

Wer war Otto Engelhard ?
Er hatte gemeinsam mit seinem Bruder Robert 1876 die Untermühle in Hofheim erworben und zu einer modernen Sohllederfabrik umgebaut. Die Familie war mit außerordentlichem Erfolg bereits seit zwei Generationen als Ledergroßhändler in Frankfurt am Main tätig. Die Triebfeder zu allem Neuen im Werk war Otto Engelhard. Er ließ zum Beispiel einen Dynamo aufstellen und mit der Wasserkraft des Mühlbaches betreiben. Mit dem erzeugten Strom konnten die Arbeitsräume beleuchtet werden. 1895 verkürzte er die Bauzeit seines Hauses in der Kirschgartenstraße, indem er mit Hilfe elektrischer Bogenlampen auch nachts arbeiten ließ. Den Strom lieferte auch hier ein Dynamo, eine Sensation damals, dauerte es doch noch fast 14 Jahre bis in Hofheim das erste Elektrizitätswerk errichtet wurde. Nach dem Verkauf der Lederfabrik 1897 an die Brüder Neumann widmete sich Otto Engelhard ganz seinem Interesse für technische Neuerungen. In seinem Geschäft in der Kurhausstraße 11 vertrieb er „Neuheiten aus allen Geschäftszweigen, insbesondere Haushalts-, Elektrotechnik-, Sport-, Touristik- und Kontor-Bedarf sowie Bedarfsartikel für Photographie und optische Geräte“. Das Hofheimer Telefonnetz geht auf seine Anregung zurück. Es wundert da nicht, daß er mit der Nummer 1 verzeichnet war.

Otto Engelhard war auch sehr rege, wenn es darum ging die Hofheimer für den Fremdenverkehr und die Schönheiten der Taunuslandschaft zu gewinnen. Im „Taunus-Club-Verschönerungsverein“ war er lange Jahre Vorsitzender. Der Taunusclub, Sektion Hofheim (1872) und der Verkehrs- und Verschönerungsverein (1875) wurden bis 1927 gemeinsam geleitet und initiierten den Wandel Hofheims von der Ackerbürgerstadt zum modernen Erholungsort. Zu den Zielen dieser Vereinigung gehörten nicht nur gemeinsame Ausflüge zu den Sehenswürdigkeiten der näheren Umgebung, sondern vor allem die Modernisierung des Stadtbildes, um den Fremdenverkehr zu fördern. Dazu zählten die Schaffung von Ausflugszielen, wie z.B. der Meisterturm (1895), der Cohausentempel (1910), die Schutzhütte im Floßwald (um 1900), die Teerung der Straßen, die Anbringung von Blumenschmuck an öffentlichen Gebäuden und vieles mehr. Bereits 1893 liest man im Schönmanns Journal für Lederindustrie: die Stadt ist ein "Lieblingsaufenthalt der Frankfurter, Mainzer und Wiesbadener, welche sich von der Tages Last und Mühe in reiner Wald- und Gebirgsluft laben, stärken und erholen wollen."

Veranstalter: Magistrat der Stadt Hofheim am Taunus - Stadtmuseum/Stadtarchiv
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