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Wildsachsener Straße 1

 

Biografie - Familie Simon

 

Berta Simon, geb. Kahn (geb. 15.5.1871) wurde in eine der ältesten jüdischen Familien in Diedenbergen hineingeboren. Ihr Ehemann Siegmund Simon verstarb früh und so musste sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder als Obsthändlerin allein erwirtschaften. Ihre Tochter Rosa Simon wurde am 22. Februar 1902 geboren und zweieinhalb Jahre später die Zwillingssöhne Rudolf Raphael und Adolf (geb. 18.12.1904). Die Tochter verließ ihren Geburtsort vermutlich anlässlich ihrer Heirat mit Siegfried Levy aus Undenheim. Adolf, der Sohn, zog laut Erinnerungen von Zeitzeugen ebenfalls schon vor 1933 aus Diedenbergen fort. Als im November 1933 die jüdischen Einwohner listenmäßig erfasst wurden, waren nur noch Berta und ihr Sohn Rudolf im ihrem Heimatort gemeldet. Wie für alle jüdischen Händler muss auch das Obstgeschäft unter den Boykotten und Schikanen praktisch zum Erliegen gekommen sein. So sah sich Berta Simon im Alter von 65 Jahren im Januar 1937 gezwungen ihr Haus zu verkaufen. Zur Vertragsunterzeichnung wurde sie von ihrer Tochter Rosa und Schwiegersohn Siegfried begleitet. Die Abwicklung ging nun sehr schnell. Das Haus war sofort zu räumen, eine erste Anzahlung des Kaufpreises wurde in bar ausgehändigt und Sohn Rudolf meldete sich noch am selben Tag aus Diedenbergen ab. Gemeinsam wanderten Mutter und Sohn in die USA aus.

 

Rudolf Raphael Simon (geb. 18.12.1904 (1.) ) wurde wie seine Mutter und viele Generationen vor ihr in Diedenbergen geboren. Sein Zwillingsbruder Adolf soll ihm nach Erinnerungen von Zeitzeugen zum verwechseln ähnlich gesehen haben. Nach dem frühen Tod des Vaters wuchsen sie gemeinsam mit der zwei Jahre älteren Schwester Rosa in Diedenbergen auf. Rudolf erlernte das Schlosserhandwerk. 1932 verlor er seine Arbeitsstelle. Ob dies eine Folge der Wirtschaftskrise war oder bereits Ausdruck antisemitischer Diskriminierung, wie er selbst später vermutete, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Möglicherweise wandte er sich in dieser Zeit auch der KPD zu. Im Februar 1933 meldete der zuständige Landjägereiposten weisungsgemäß eine Durchsuchung bei dem „Vorsitzenden der KPD in Diedenbergen, Schlosser Rudolf Simon“ durchgeführt zu haben. Die Durchsuchung blieb allerdings ohne Erfolg. Doch auch bei der ersten Erfassung der jüdischen Einwohner unter der nationalsozialistischen Regierung im November 1933 notierte der Bürgermeister in der Spalte „politische Einstellung“ immer noch „Ortsgruppenleiter der KPD“. Rudolf Simon gehörte also in zweierlei Hinsicht zu den vom NS-Staat Verfolgten. Unter diesen Umständen konnte er schwerlich wieder Arbeit finden. Zeitzeugen berichteten, dass er zeitweilig in Frankfurt in einer Umschul-Werkstatt beschäftigt gewesen sei. Möglicherweise war er einer der Ausbilder in dem im April 1936 in Frankfurt gegründeten Ausbildungs- und Umschulungszentrum für jüdische Jugendliche und junge Erwachsene. Zu Beginn des Jahres 1937 gelang ihm schließlich die Auswanderung in die USA. Noch am Tag der Unterzeichung des Kaufvertrages für sein Elternhaus in Diedenbergen meldete er sich von dort in Richtung Amerika ab.

 

1. Das in Aufzeichnungen von Heimatforschern angegebene Geburtsdatum 17.12.1905 konnte nicht verifiziert werden. Sowohl in der Meldeliste des Bürgermeisters von 1933 als auch in der Entschädigungsakte ist der 18.12.1904 angegeben.