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Wildsachsener Straße 2

 

Biografie - Familie Cohn

 

Theodor Friedrich Cohn (geb. 12.12.1888) wurde als Sohn von Philipp Cohn und Frieda, geb. Wulff in Laboe im heutigen Schleswig-Holstein geboren. Er kam nach Diedenbergen als er durch die Hochzeit mit Karolina Kahn in eine der ältesten jüdischen Familien des Ortes einheiratete. 1911 fand er als gelernter Schlosser eine gute Stellung bei den Farbwerken in Höchst und ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter Silli Setta in Diedenbergen zur Welt. Im Ersten Weltkrieg leistete Theodor Cohn Kriegsdienst an der Front. Er überlebte und kehrte mit Kriegsauszeichnung zu seiner Familie zurück. Am 2. Mai 1929 verstarb seine Frau Karolina und ließ ihn mit der 17-jährigen Tochter zurück. Ein Jahr später heiratete er erneut, die aus Hofgeismar stammende Berta Wallach. Als drei Jahre später mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten auch in Diedenbergen die Diskriminierungen begannen, fühlte sich die Familie Cohn zunächst noch wenig bedroht. Durch die Festanstellung bei den IG-Farben hatten sie, anders als viele Selbstständige, auch weiterhin ein festes Einkommen. Auf dem Weg von seiner Arbeitsstätte in Höchst, den er öfter mit Diedenbergener Schülern des dortigen Gymnasiums gemeinsam zurücklegte, erzählte Theodor Cohn oft, dass er sich nicht fürchte, da ihm als Weltkriegsteilnehmer niemand etwas antun würde. Wie trügerisch diese vermeintliche Sicherheit war zeichnete sich schon ab, als die betreffenden Schüler vor den NSDAP-Ortsgruppenleiter zitiert wurden. Er ermahnte sie, den Weg mit dem Fahrrad vom Bahnhof in Hofheim nicht mehr mit Theodor Cohn gemeinsam zu fahren. Die Jungen ignorierten das Verbot, vor allem weil ihre Eltern sie darin unterstützten. Doch die fortschreitende Ausgrenzung verhinderten diese kleinen menschlichen Gesten nicht. Am 23. August 1938 wurde Theodor Cohn nach 17 Jahren Betriebszugehörigkeit von den Farbwerken entlassen. In seinem Arbeitszeugnis hieß es „Herr Cohn war zuverlässig und sehr fleißig; er verrichtete jede Arbeit mit Eifer und Verständnis. Seine Führung war einwandfrei.“ Eine neue Anstellung konnte er trotz dieser Einschätzung nicht mehr finden. Zeitweilig erteilte er beim jüdischen Hilfsverein in Frankfurt Unterricht im Schlosserhandwerk. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Ende der Möglichkeit auszuwandern waren Theodor und Berta Cohn die letzten in Diedenbergen verbliebenen Juden. Isolation und Demütigung wurde immer schlimmer. Zeitzeugen erinnerten sich wie Theodor Cohn versuchte den im September 1941 eingeführten stigmatisierenden „Judenstern“ unauffällig mit der Hand zu verdecken. Während des Krieges wurde er zum „Arbeitseinsatz“ bei einer Firma für Schlosser-Anschlagarbeiten in Vockenhausen verpflichtet. Für seinen Arbeitsweg war er gezwungen eine Ausnahmegenehmigung zur Benutzung seines Fahrrades zu beantragen, denn Juden war inzwischen auch der Besitz eines Fahrrades verboten. Ende Mai 1942 wurde diese Genehmigung nicht mehr verlängert, denn das Ehepaar war bereits für die am 10. Juni bevorstehende Deportation vorgesehen. In der Nacht verabschiedeten sie sich von der Familie des Pfarrers in dem Wissen, dass sie in den Tod fahren würden. Am 8. Juni wurden sie mit 30 weiteren Menschen aus dem Main-Taunus-Kreis zunächst nach Frankfurt gebracht und von dort am 11. Juni 1942 deportiert. Nach Erinnerungen von Zeitzeugen traf bereits 14 Tage später beim Diedenbergener Postagenten die Nachricht ein, dass Theodor Cohn verstorben war.

 

Berta Cohn, geb. Wallach (geb. 21.11.1890) verließ ihren Geburtsort Hofgeismar mit 40 Jahren, um Theodor Cohn in Diedenbergen zu heiraten. Sie war das dritte von acht Kindern des Schächters und Synagogendieners Markus Wallach der bereits 1907 im Alter von 51 Jahren verstorben war. Auch zwei ihrer Geschwister hatte Berta Cohn bereits früh verloren. Ihr jüngerer Bruder Siegfried war im Ersten Weltkrieg gefallen und ihre Schwester Paula nur drei Jahre später im Alter von 20 Jahren verstorben. Durch den frühen Tod des Vaters lebte die Familie in bitterer Armut und war auf Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde in Hofgeismar angewiesen. Vier der jüngeren Geschwister waren sogar zeitweilig im Waisenhaus untergebracht. Bertas ein Jahr jüngerer Bruder Leopold wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und verstarb ebenfalls in jungen Jahren. Berta Cohn hatte also schon viel Leid erlebt als sie durch ihre Heirat in Diedenbergen ein neues zu Hause und eine scheinbar gesicherte Zukunft fand. Auch angesichts der einsetzenden nationalsozialistischen Verfolgung glaubte sie noch sicher genug zu sein, um ihre durch die Emigration ihrer Geschwister vereinsamte Mutter im September 1937 zu sich zu holen und beschützen zu können. Doch als ihr Ehemann Theodor Cohn im darauffolgenden Jahr seine scheinbar unkündbare Stellung verlor, schien zumindest für die Mutter die Auswanderung zur in Holland lebenden Tochter geboten. Berta Cohn und ihr Mann ertrugen die von Tag zu Tag schlimmer werdenden Einschränkungen ihres Lebens und die tägliche Diskriminierung bis sie schließlich am 8. Juni 1942 abgeholt und in den Tod geschickt wurden.

 

Silli Setta Fuld, geb. Cohn (geb. 12.12.1912) wuchs in ihrem Geburtsort Diedenbergen auf und lebte dort nach dem frühen Tod ihrer Mutter Karolina mit ihrem Vater Theodor Cohn und dessen zweiter Ehefrau Berta weiterhin in ihrem Elternhaus. Irgendwann zwischen 1933 und 1938 heiratete sie den kaufmännischen Angestellten Elieser Curt Fuld aus Bad Homburg. Er verlor seine Anstellung 1936 als die Firma seiner Arbeitgeber „arisiert“ wurde und zog aus seinem Elternhaus in Bad Homburg nach Frankfurt. Zuletzt lebte das Ehepaar dort in der Rotteckstraße 7. Elieser Fuld fand erneut Anstellung bei Firmen mit jüdischen Besitzern und wurde wiederholt arbeitslos, wenn diese ihre Unternehmen zwangsweise veräußern mussten. In der immer schlimmer werdenden Situation gelang es dem Ehepaar am 21. Dezember 1938, wenige Wochen nach dem Novemberpogrom über Bremerhafen in die USA auszuwandern. Ihr Hab und Gut, das im folgenden Sommer über Holland versandt werden sollte, wurde nicht mehr verschifft und später beschlagnahmt. So mussten sie ohne Besitz und ohne Sprachkenntnisse eine neue Existenzgrundlage finden. Sie arbeiteten gemeinsam als Hausangestellte gegen ein Taschengeld, Kost und Logis bis Elieser Fuld schließlich 1941 wieder eine seiner kaufmännischen Ausbildung entsprechende Büroanstellung fand. Sie gründeten eine Familie und bekamen drei Kinder. Silli Fuld änderte ihren Namen in Celia. Sie verstarb im Oktober 1983 in New York.

 

Adelheid Wallach, geb. Abt (geb. 23.8.1857) hatte schon ein schweres Leben hinter sich als sie im Alter von 80 Jahren zu ihrer Tochter Berta Cohn nach Diedenbergen übersiedelte. In Melsungen geboren zog sie nach Hofgeismar bei Kassel um den Synagogendiener und Buchbinder Markus Wallach zu heiraten. Das Ehepaar bekam acht Kinder, die sie nur mühsam ernähren konnten. 1907 starb Adelheid Wallachs Ehemann im Alter von nur 51 Jahren. Im selben Jahr verlor sie auch ihren ältesten Sohn Julius im Alter von 19 Jahren. Ihr zweitältester Sohn Leopold musste in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden und der Tod des Ernährers der Familie stürzte sie in bittere Armut. Sie war auf Zuwendungen der Jüdischen Gemeinde angewiesen und musste sogar vier ihrer Kinder in einem Waisenhaus in Kassel unterbringen. Im Ersten Weltkrieg fiel ihr Sohn Siegfried bereits 1915 mit 22 Jahren. Die zweitjüngste Tochter Paula war ebenfalls erst 20 Jahre alt als sie 1918 starb.
Angesichts der Bedrohung durch die nationalsozialistische Verfolgung bemühte sich die jüngste Tochter Flora (geb. 1901) schon 1935 um die Ausreise in die USA. Auch dem Sohn Hermann gelang die Flucht nach Amerika. Vermutlich um nicht ganz allein zurückzubleiben zog Adelheid Wallach im September 1937 zu ihrer Tochter Berta nach Diedenbergen. Doch ihr Schwiegersohn Theodor verlor schon im darauf folgenden Sommer seine sichere Anstellung und die Diskriminierungen nahmen immer weiter zu. So sah sie sich veranlasst trotz ihres hohen Alters die Auswanderung zu wagen. Am 20. Februar 1939 meldete sie sich nach Den Haag ab. Vermutlich zog sie zu ihrer Tochter Ida Cohen (geb. 31.1.1897), die in die Niederlande ausgewandert war. Beide wurden von der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie wieder eingeholt. Die letzte Spur Adelheid Wallachs ist ihr Name auf der Transportliste des Lagers Westerbork wonach sie am 11. Mai 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert wurde. Ihre Tochter Ida teilte dasselbe schreckliche Schicksal nur wenige Wochen später, am 6. Juli 1943.